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Überflutung im Bestandsgebiet der Gemeinde Frickingen, Bodenseekreis, am 22.07.2016. Fotos: Jäckle

Überflutung im Bestandsgebiet der Gemeinde Frickingen, Bodenseekreis, am 22.07.2016. Fotos: Jäckle

Titelseite des Buches von Elke Kruse zum wassersensiblen Umbau von Städten, erschienen 2015 bei Fraunhofer IRB Verlag, Stuttgart.

19.09.2016 | BIRCOwissenswert

Überflutung durch Starkregen – Vorsorgemaßnahmen für Bestandsgebiete

Innerstädtische Quartiere sind aufgrund ihrer hohen Bebauungsdichte sowie ihres hohen Versiegelungsgrades von Starkregenereignissen und daraus resultierenden Überflutungen besonders betroffen. „Sie sollten deshalb zukünftig wassersensibel umgebaut werden. Dies bedarf...

einer engen Zusammenarbeit zwischen der Wasserwirtschaft und der Stadt-, Freiraum- und Verkehrsplanung“, so die Quintessenz von Dr.-Ing. Elke Kruse. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der HafenCity Universität (HCU) Hamburg. In Ihrem Buch „Integriertes Regenwassermanagement für den wassersensiblen Umbau von Städten“ [1] stellt sie gleich zu Beginn den Zusammenhang her zwischen Klimawandel, Starkregen und Überflutungen einerseits sowie Folgekosten andererseits. Leider nutzen bisher nur wenige Kommunalverwaltungen die anstehende Transformation ihres Entwässerungssystems gleichzeitig als Chance zur Aufwertung bestehender Quartiere, stellt die Autorin fest. Im Gegensatz dazu realisieren New York, Rotterdam und Singapur auf gesamtstädtischer Ebene integrierte Konzepte für ihr Regenwassermanagement unter Berücksichtigung des öffentlichen Raumes. Ist das auf unsere Siedlungsgebiete übertragbar?

Elke Kruse empfiehlt:

·         Ein „grünes Netzwerk“ (begrünte Versickerungsflächen) für Städte, deren Bodenbedingungen eine Versickerung ermöglichen.

·         Ein „temporär blaues Netzwerk“ (multifunktional gestaltete Flächen, z.B. Stadtplätze, Spiel- und Sportplätze, die temporär überschüssiges Regenwasser speichern können) als Alternative dazu für Städte, deren innere Quartiere keinen Platz für Versickerungsflächen aufweisen oder die über größere, ehemals industriell genutzte Bereiche verfügen.

·         Ein „blau-grünes Netzwerk“ aus Wasserläufen und -flächen in Kombination mit bisher verrohrten Gewässerabschnitten.

 

Beispiel Hamburg

Mit dem Projekt RISA (RegenInfraStrukturAnpassung) hat die Hamburger Stadtentwässerung gemeinsam mit der ehemaligen Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt begonnen, ein Integriertes Regenwassermanagement innerhalb der Hansestadt umzusetzen [2]. Einiges wurde bereits durchgeführt, in die Wege geleitet oder geplant. Anderes fehlt jedoch bisher. Es bedarf dringend einer Grundsatzentscheidung auf strategischer Ebene, die Lösung der wasserwirtschaftlichen Probleme in Hamburg mit einer Aufwertung des öffentlichen Stadt- und Freiraums vor allem in den innerstädtischen Bereichen zu verbinden. Denn erst so lassen sich Investitionsmittel, die bereits heute in den Ausbau des Hamburger Kanalnetzes oder in die Sanierung und Instandsetzung von Hamburger Straßen fließen, ebenfalls für die Realisierung eines Integrierten Regenwassermanagements in den innerstädtischen hochverdichteten Quartieren nutzen [1].

Mehrfachnutzung von Flächen
Den Ausgangspunkt der Diskussion sollten insbesondere die Aufwertung der öffentlichen Freiräume im Zuge der baulichen Verdichtung sowie die Schaffung einer grüneren Stadt bilden, vor allem mit Blick auf eine mögliche Mehrfachnutzung öffentlicher Flächen. Wie das Bearbeitungsgebiet „Barmbek-Nord" zeigt, stehen damit in den innerstädtischen Quartieren fast 30% der Flächen für einen integrierten Ansatz zur Verfügung, stellt Elke Kruse fest..

 Ist ein „grünes und blau-grünes Netzwerk“ zur Versickerung des Regenwassers aufgrund von Altlasten oder Platzmangel nicht realisierbar, sollte über ein ergänzendes „temporär blaues Netzwerk" nachgedacht werden. Das temporäre Netzwerk überlagert die eigentliche Gestaltungsstrategie und bietet kleinteilige Lösungen für einzelne Überflutungsschwerpunkte. Da sich die Strategie im Bestand jedoch oftmals nur durch aufwendige Baumaßnahmen umsetzen lässt, sollte sie bei allen Neuplanungen von Stadtplätzen, Spiel- und Sportplätzen sowie Parkplätzen mitbedacht werden [1].

Zuständigkeit und Kostenaufteilung
Im Anschluss an die Festlegung einer geeigneten Gestaltungsstrategie sollten verantwortliche Ämter zukünftige Kostenaufteilungen und Zuständigkeiten für den Bau und die Unterhaltung von Flächen der dezentralen Regenwasserbewirtschaftung diskutieren. Die klare und eindeutige Einteilung in Flächen, die der Wasserwirtschaft zugeteilt werden und Flächen, die durch die Landschafts- und Freiraumplaner betreut werden, wird durch den integrierten Ansatz aufgehoben. Grenzen verschwimmen und damit auch bisherige Zuständigkeiten für Pflege und Unterhaltung. Dementsprechend müssen die bisherigen Aufgabengebiete vor allem für die Fachressorts „Stadt- und Landschaftsplanung" sowie „Management des öffentlichen Raumes" neu verhandelt werden. Entscheidend dabei ist nicht, wer für die jeweiligen Aufgaben zuständig ist, sondern dass für jede anfallende Aufgabe konkrete Zuständigkeiten bestehen und die Kosten zwischen den Akteuren fair verteilt werden. Erst so kann eine dauerhafte Funktionalität der dezentralen Maßnahmen sichergestellt werden [1].

Privatgrundstücke und Straßennetz einbeziehen
Vor allem in den Gebieten mit locker bebauten Stadtstrukturen (vor allem Einfamilien- und Reihenhäuser sowie Zeilenbauten), aber auch bei Gewerbe- und Industriegebieten bestehen zahlreiche Möglichkeiten, dezentrale Maßnahmen auf
den jeweiligen Grundstücken zu realisieren. Die Hamburger Abkopplungspotenzialkarte bietet dafür eine wichtige Datengrundlage. Die Information und die Ansprache der Zielgruppe, die vor allem aus Privatpersonen, Genossenschaften, Wohnungsgesellschaften und Gewerbetreibenden besteht, sollten dementsprechend laut Elke Kruse vielfältig sein. Kooperationsvereinbarungen mit Genossenschaften und Wohnungsgesellschaften, Informationsveranstaltungen und Postwurfsendungen für Grundstücksbesitzer (Privatpersonen oder Gewerbetreibende) können geeignete Formate sein.

Obwohl dezentrale Maßnahmen direkt durch die Niederschlagswassergebühr gefördert werden, muss ggf. ein zusätzliches finanzielles Förderprogramm, bspw. für den Bau von Versickerungsmaßnahmen, aufgestellt werden. Dies ist davon abhängig, ob die gesplittete Abwassergebühr als alleiniger Anreiz genügt, dass eine ausreichende Anzahl an Maßnahmen in überflutungsgefährdeten Gebieten realisiert wird. Sollte dies nicht der Fall sein, kann das Förderprogramm entweder stadtweit aufgestellt oder für ausgewählte Bereiche der Stadt zugeschnitten werden. Eine direkte Ansprache von Grundstücksbesitzern in den gefährdeten Gebieten kann die Wirksamkeit der Programme verstärken. Dagegen sollte in innerstädtischen hochverdichteten Quartieren, die durch die Stadtstrukturtypen „Stadt- und Stadtteilzentren“, „innerstädtische Wohn- und Mischgebiete" sowie „Blockrandbebauung" dominiert werden, die gezielte Anpassung des öffentlichen Raumes als Alternative zum Ausbau des Kanalsystems geprüft werden. Kombiniert man den notwendigen Umbau mit geplanten Sanierungs- und Instandsetzungsarbeiten des Straßennetzes sowie der geplanten Qualifizierung von Grünflächen im Rahmen der Qualitätsoffensive Freiraum, lassen sich sehr wahrscheinlich Kosteneinsparungen erzielen. Beispielsweise befinden sich 40 % der Hamburger Straßen in einem schlechten Zustand. Würden die geplanten Baumaßnahmen konsequent mit der Schaffung eines „grünen Netzwerks" oder eines „temporär blauen Netzwerks“ verbunden, ließen sich viele Projekte in relativ kurzer Zeit umsetzen. Zudem ist es so ggf. möglich, das Investitionsvolumen, welches in den Ausbau des Kanalnetzes fließen soll, zu reduzieren und die eingesparten Finanzmittel stattdessen für die Aufwertung des städtischen Freiraums mit multifunktionalem Nutzen zu investieren [1].

Task Force, Monitoring und Handbücher
Für vorrangige innerstädtische Bereiche bietet sich ein vergleichbarer Plan zum New Yorker Green lnfrastructure Plan an, der das Potenzial für die Realisierung von Versickerungsmaßnahmen und multifunktionalen Flächen im öffentlichen Raum aufzeigt. Eine Arbeitsgruppe (Task Force) sollte die jeweiligen Planungen miteinander koordinieren und aufeinander abstimmen, um so einen möglichst geringen Reibungsverlust sicherstellen zu können. In ausgewählten Gebieten sollten gemäß Vorschlag von Elke Kruse Gestaltungs- und Sicherheitsaspekte mit den Anwohnern und zukünftigen Nutzern diskutiert werden.

Am Beispiel von Straßenbegleitgrün, bestehenden Pflanzgruben von Straßenbäumen für die Versickerung von Niederschlagswasser, temporär gefluteten Spiel- und Sportplätzen oder Parkplätzen lässt sich die Notwendigkeit dieses Ansatzes erklären und für Akzeptanz werben. Im Laufe der nachfolgenden Jahre sollten Kosten für den Bau und die Unterhaltung dem erzielten Nutzen gegenübergestellt und ausgewertet werden. Darüber hinaus sollte ein Monitoring hinsichtlich der Funktionsfähigkeit durchgeführt werden, um die Maßnahmen bei Bedarf weiterentwickeln zu können.

Am Beispiel von verschiedenen Maßnahmen zur Versickerung von Niederschlagswasser im Straßenraum sowie temporär gefluteten Spiel- und Sportplätzen oder Parkplätzen lässt sich die Notwendigkeit dieses Ansatzes erklären und für Akzeptanz werben. Im Laufe der nachfolgenden Jahre sollten Kosten für den Bau und die Unterhaltung dem erzielten Nutzen gegenübergestellt und ausgewertet werden. Darüber hinaus sollte ein Monitoring hinsichtlich der Funktionsfähigkeit durchgeführt werden, um die Maßnahmen bei Bedarf weiterentwickeln zu können. Basierend auf diesen Erkenntnissen werden entsprechende Gestaltungshandbücher für die Sanierung sowie den Um- und Neubau von Straßen, öffentlichen Plätzen und Grünflächen aber insbesondere auch von Pflanzgruben für Straßenbäume empfohlen, die bei allen anstehenden Projekten innerhalb der Bestandsgebiete verbindlich zu berücksichtigen sind [1].

 

 

von Klaus W. König, Überlingen

Ö.b.u.v. Sachverständiger für die Bewirtschaftung und Nutzung von Regenwasser

Quellen:
[1] Elke Kruse. Integriertes Regenwassermanagement für den wassersensiblen Umbau von Städten. 2015. 246 Seiten, zahlreiche farbige Abbildungen. Fraunhofer IRB Verlag, Stuttgart. ISBN 978-3-8167-9474-5. 89,00 €

[2] http://www.risa-hamburg.de/
Aufgerufen am 05. September 2016.