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Extremer Starkregen in Dortmund, Juli 2008, mit knapp 200 l/m² in 2 Stunden. (Foto: Kaiser)

Extremer Starkregen in Münster, Juli 2014, mit fast 300 l/m² in 7 Stunden. (Foto: FH Münster/Pressestelle)

22.06.2016 | BIRCOwissenswert

Starkregen in Deutschland

Urbane Sturzfluten häufen sich, die Auswirkungen werden immer dramatischer. Im ersten Halbjahr 2016 waren die Starkregenereignisse besonders kleinräumig und heftig. Trotz professioneller Wetterdienste, stündlicher Vorhersagen und lokaler Unwetterwarnungen konnten...

die Betroffenen nicht vorsorgen. Sach- und Personenschäden waren erheblich. Zwischen 27. Mai und 9. Juni kamen 11 Personen durch die Folgen von Starkregen ums Leben. Lassen sich künftig Risiken früh genug erkennen und vermeiden?

Meteorologisch haben wir es mit einem Phänomen zu tun, das seinen Ursprung im so genannten "Tief Mitteleuropa" hat. Laut Deutschem Wetterdienst (DWD) handelt es sich dabei um ein Tiefdruckgebiet mit riesigen Ausmaßen, das sich in mehr als fünf Kilometern Höhe über weite Teile Mitteleuropas erstreckt. Da sich dieses Höhentief wenig bewegt, ziehen auch die bodennahen Tiefdruckgebiete nur langsam über uns hinweg. In feuchtwarmer Luft bilden sich schließlich Gewitter mit stationären Wolken, deren gewaltige Wassermassen als anhaltende lokale Regenschauer einzelne Orte außergewöhnlich hart treffen. Ein solches "Tief Mitteleuropa" hatte laut DWD auch die Hochwasserereignisse an der Elbe 2002 und in Süddeutschland 2013 ausgelöst. Im Jahr 2016 war besonders, dass die bedrohliche Wettersituation mehrere Wochen andauerte und über einen längeren Zeitraum sehr viele einzelne Katastrophen in verschiedenen Bundesländern auslöste. Müssen wir damit künftig verstärkt rechnen?

Eine mögliche Ursache für die extrem langsame Wetterverlagerung beim Tief Mitteleuropa sieht das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung darin, dass die Arktis sich durch die Klimaveränderung überproportional erwärmt habe gegenüber südlicheren Regionen, was zu schwächeren Westwinden führe. Beim DWD ist man noch zurückhaltend, den Klimawandel als unmittelbaren Verursacher extremer Wetterlagen zu bezeichnen - stellt aber fest, dass bei zunehmender Erwärmung der Luft diese physikalisch bedingt mehr Wasser gasförmig aufnehmen kann und damit auch mehr Starkregenpotential vorhanden ist. Gefährlich wird es, wenn daraus Cumulonimbus-Wolken entstehen, die in kurzer Zeit bis in eine Höhe von 12 km gelangen. Dort kommt es in kühler Atmosphäre zu schlagartiger Kondensation, was zu Hagel und Starkregen führt.

Erst seit 15 Jahren macht der DWD eine flächendeckende, hoch auflösende Radarbeobachtung. Dies ist die Voraussetzung, um gezielt für einzelne Landkreise Wetterwarnungen herausgeben zu können. Die Prognosen zeitlich und räumlich noch weiter zu präzisieren, dürfte allerdings schwierig sein. Das liegt an der spontanen Entstehung der Ereignisse am Himmel. Ende Mai und Anfang Juni 2016 trafen kühle Luftmassen aus dem Norden und zugleich feuchtwarme aus dem Süden Europas bei uns aufeinander. Das führte zur sogenannten Konvektion. Die Atmosphäre gleicht dann brodelndem Wasser, aus dem Gewitter wie Blasen aufsteigen. Im Sommerhalbjahr ist das an sich nichts Ungewöhnliches. Wo sich die "Blasen" bilden, ist für den Wetterdienst allerdings erst ein bis zwei Stunden vorher zu erkennen. Am 1. Juni entstand über dem Landkreis Rottal-Inn bei Passau in kürzester Zeit auf kleinster Fläche sogar ein Cluster mit 50 Gewitterzellen, wo sonst vielleicht mit ein oder zwei zu rechnen ist [1]. Ebenso wenig vorhersehbar waren die Verläufe der Sturzfluten am Boden. Im württembergischen Braunsbach verwandelten sich am 29. Mai minutenschnell drei unscheinbar plätschernde Bäche in tosende Schlammlawinen, die durch mitgerissenes Geröll und Gehölz den Ort verwüstet haben.

Weiter östlich, im bayerischen Hohentann bei Landshut, wurden an diesem Tag in einer Stunde 65 l/m² (entsprechend 65 mm) gemessen. Bei einem weiteren Starkregen derselben Großwetterlage am 7. Juni 2016, der im Ruhrgebiet über Mülheim niederprasselte, waren es innerhalb 60 Minuten 80 l/m². Zum Vergleich: Beim DWD erfolgt eine Warnung vor "markantem Wetter" bereits, wenn in diesem Zeitraum mindestens 15-25 l/m² (bzw. in 6 Stunden 20-35 l/m²) erwartet werden. Die nächste Stufe heißt "Unwetter" bei einer Prognose ab 25 l/m² (oder in 6 Stunden mehr als 35 l/m²). Die höchste Warnstufe ist das "extreme Unwetter" ab 40 l/m² (oder in 6 Stunden über 60 l/m²) [2]. Etwa das Dreifache der letztgenannten Schwellenwerte kam über der Stadt Dortmund zusammen, als am 26. Juli 2008 in einer Stunde 119 l/m², in 4 Stunden 203 l/m² fielen. Den Rekord mit dem höchsten in Deutschland gemessenen Niederschlag hält Zinnwald im Erzgebirge mit 312 l/m² in 24 Stunden. Das war im Gegensatz zu den vorigen Beispielen ein großräumig auftretender Starkregen, der am 12./13. August 2002 stattfand und das verheerende Elbehochwasser auslöste.

In der Siedlungswasserwirtschaft wird vom Begriff her getrennt in Hochwasser, wie dieses an der Elbe einerseits, und Starkregen mit lokalen Überflutungen andererseits. Laut Prof. Dr.-Ing. Theo G. Schmitt von der Technischen Universität Kaiserslautern wird ein Hochwasserereignis durch hohe Abflüsse größerer Fließgewässer verursacht, die auf räumlich und zeitlich ausgedehnte Starkniederschläge zurückzuführen sind. Zuletzt waren Elbe und Donau im Juni 2013 davon betroffen. Im Gegensatz dazu haben lokale Starkregen eine Dauer von wenigen Stunden und eine räumliche Ausdehnung von wenigen Kilometern. Historisches Beispiel dafür ist Münster, wo am 28. Juli 2014 in knapp 2 Stunden 220 l/m², in 3 Stunden fast 300 l/m² fielen [3].

Die katastrophalen Auswirkungen fördern laut Schmitt die Einsicht, "dass derartige Starkregen nicht durch noch so großzügig dimensionierte Entwässerungsanlagen, zumal unterirdische Kanalisationen, beherrscht werden können." Seiner Meinung nach unterstreichen die Kennzahlen der Ereignisse, dass eine starre Festlegung von Zielvorgaben zum Überflutungsschutz über statistische Wiederkehrzeiten fragwürdig erscheint. Stattdessen soll für Siedlungsgebiete ein kommunales Überflutungsrisiko-Management mit einer ortsbezogenen Bewertung der Überflutungsgefährdung und des Schadenspotentials vorrangig sein [4].

In diesem Sinne erschien bereits im Februar 2013 die Broschüre "Starkregen - was können Kommunen tun?", unterstützt durch die zuständigen Ministerien der Bundesländer Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. Darin heißt es unter anderem, Starkregenvorsorge sei eine kommunale Gemeinschaftsaufgabe, die unterschiedlichste Aufgaben wie Planung, Gewässerunterhaltung, Abwasserbeseitigung berühre und daher ein koordiniertes Vorgehen erfordere [5].

Auch Hamburg hat dahin gehend Pionierarbeit geleistet und kommt zu ähnlichen Empfehlungen. Mit der Absicht, nachhaltige Ideen und Konzepte für den Umgang mit Regenwasser zu entwickeln, haben die Behörde für Umwelt und Energie und HAMBURG WASSER gemeinsam das Projekt RegenInfraStrukturAnpassung (RISA) 2009 gestartet und 2015 erfolgreich abgeschlossen. Ergebnis ist ein dezentrales Konzept, das Regenwasser dort, wo es anfällt, erfasst und - soweit möglich - an Ort und Stelle durch geeignete Anlagen wieder dem natürlichen Wasserkreislauf zuführt. Die übergeordneten Ziele des Projektes "naturnaher lokaler Wasserhaushalt, weitergehender Gewässerschutz und Überflutungs- und Binnenhochwasserschutz" setzen laut Autoren und Herausgeber eine interdisziplinäre Zusammenarbeit voraus, die sich in der Projektstruktur von RISA widerspiegelt: Wasserwirtschaftler sowie Stadt-, Landschafts- und Verkehrsplaner erarbeiteten gemeinsam mit wissenschaftlicher Unterstützung durch Universitäten und Ingenieurbüros zukunftsfähige Lösungen für das Leben mit Regenwasser in Hamburg, die im "RISA Strukturplan Regenwasser 2030" zusammengefasst sind und gemeinsam mit seinen Begleitdokumenten zum Download zur Verfügung stehen [6].

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Quellen:
[1] Hörmann, B.: Die Flut reißt alles mit sich. In: Südkurier Nr. 126 vom 03.06.2016. Südkurier GmbH Medienhaus Konstanz.
[2] http://www.wettergefahren.de/warnungen/unwetterwarnkriterien.html
Aufgerufen am 21. Juni 2016.
[3] Grüning, H. u. Grimm, M.: Unwetter mit Rekordniederschlägen in Münster. In: Korrespondenz Abwasser, Abfall. 2015 (62) Nr. 2, Seite 157-162. Hrsg.: DWA Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall e.V., Hennef.
[4] Schmitt, Theo G.: Starkregen – (k)ein neues Phänomen? In: Korrespondenz Abwasser, Abfall. 2015 (62) Nr. 2, Seite 93. Hrsg.: DWA Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall e.V., Hennef.
[5] Starkregen. Was können Kommunen tun? Broschüre, Hrsg. Informations- und Beratungszentrum Hochwasservorsorge Rheinland-Pfalz und WBW Fortbildungsgesellschaft für Gewässerentwicklung mbH. Februar 2013.
[6] http://www.risa-hamburg.de/
Aufgerufen am 21. Juni 2016.

 Autor: Klaus W. König

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